
Bildzeile: Mit dem Zeitzeugen Franz-Josef Gerharz (3. v. l.) und der Judentum-Expertin Annemarie Müller-Feldmann (4. v. l.) sprachen die Liberalen (von rechts) Ulrich van Bebber, Christina Steinheuer, Michael Wudel und Hartmut Wüst. Gemeinsam gingen alle auch zum jüdischen Friedhof, an dessen Zaun im kommenden Jahr die Gedenktafel angebracht werden soll.
Zeitzeuge erinnert sich an viele Details – FDP-Mitglieder finanzieren Gedenktafel nun selbst
Seit drei Jahren beschäftigen sich die Grafschafter Liberalen mit dem jüdischen Friedhof in Gelsdorf, seit drei Jahren fordern sie die Anbringung einer kleinen Gedenktafel. Passiert ist noch nichts. In einer Eigeninitiative wollen die Liberalen Michael Wudel, Niklas Denger, Hartmut Wüst und die Vorsitzende der FDP-Fraktion im Grafschafter Gemeinderat, Christina Steinheuer, sowie der FDP-Kreisvorsitzende Ulrich van Bebber diesen kläglichen Zustand beenden. Sie sammeln bei den Mitgliedern der FDP das Geld zusammen, das benötigt wird. „Wir haben lange genug gewartet, jetztnehmen wir es selbst in die Hand“, so Christina Steinheuer.
Alles begann mit einer Führung über die sehr versteckt am Rande des Dorfes liegende Ruhestätte. Die angesehene Expertin Annemarie Müller-Feldmann, die auch für die Volkshochschule Führungen über jüdische Friedhöfe macht, Hebräisch kann und lange in Israel gelebt hat, begleitet das FDP-Projekt von Anfang an. Sie entzifferte die Inschriften der Grabsteine und stellte Recherchen über die jüdischen Familien an, die in Gelsdorf lebten. Sie unterstützt die Forderung der Grafschafter Liberalen, an dem Friedhof eine kleine Gedenktafel anzubringen, und hat Kontakt zum Besitzer des Friedhofs, der jüdischen Kultusgemeinde Koblenz aufgenommen. Auch Dr. Cahn, der Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Koblenz, habe nichts gegen die Anbringung einer Tafel – im Gegenteil. Den Text, der auf der Tafel stehen soll, wird Müller-Feldmann entwerfen. „Sie hat einfach das größte Fachwissen“, so Steinheuer, die sich über die Unterstützung freut.
Auch Andreas Ackermann, der Ortsvorsteher von Gelsdorf, will helfen. „Das freut uns sehr, denn das zeigt, dass dieses Thema keineswegs ein parteipolitisches ist und jede Unterstützung gebrauchen kann. Perfekt wäre es, wenn sich noch ein Schreiner findet, vielleicht sogar aus dem Ort, der das Projekt ebenfalls unterstützt. Bitte einfach telefonisch (0174/1967333) oder per Mail (christina_steinheuer@web.de) bei mir melden.“ Einen Unterstützer aus der Gelsdorfer Bevölkerung hat die Initiative bereits: Denn nachdem sich die Liberalen das letzte Mal auf dem Friedhof getroffen hatten, meldete sich telefonisch ein Zeitzeuge bei Christina Steinheuer. Der 84-jährige Franz-Josef Gerharz lebt in unmittelbarer Nachbarschaft zu der Ruhestätte und erinnert sich noch an die letzte Beerdigung dort: Der Junggeselle Gustav Cremer war der letzte dort beigesetzte Jude. „Das war 1937/38“, erinnert sich Gerharz. „Alle, die danach noch hier lebten, wurden irgendwann von der SS oder anderen Uniformierten abgeholt.“ Zum Beispiel eine Familie, die an der Bonner Straße, der Hauptstraße im Dorf, eine Metzgerei hatte, im Ort nach Aussage von Gerharz gut integriert war, und so vermutet er, wohl auch deshalb durch die Hintertür abgeführt wurde. Die Beerdigung von Gustav Cremer blieb dem Zeitzeugen auch deshalb im Gedächtnis, weil sie sich von den christlichen unterscheidet. „Die Särge waren ganz einfache Holzkisten.“ Annemarie Müller-Feldmann, Mitautorin eines Buches über das jüdische Leben im Kreis Ahrweiler, erklärte die religiösen Hintergründe zu den Beobachtungen, die Gerharz gemacht hatte, gab Auskunft über die Riten und stellte viele Fragen. Gerharz freute sich, dass seine Erinnerungen gefragt sind und erzählte lange und ausgiebig.
Auch fürMüller-Feldmann war das Gespräch erfolgreich, denn sie erfuhr einen neuen Namen, der ihr nun bei weiteren Recherchen hilft. „Und ein neuer Name“, so die Expertin, „ist Gold wert. Ich werde sicher noch mehr über die Gelsdorfer und Grafschafter Juden herausfinden.“




